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Fiebrige Lust auf Grün

Bei mir daheim im Tullnerfeld ist draußen alles grau und braun. Bis vorige Woche war mir das egal.

Im November und Dezember bin ich froh, wenn der Garten mit mir zur Ruhe kommt und ich mich am Wochenende ruhigen Gewissens mit Tee und Buch auf der Couch einkuscheln darf. Da kann ich alles was um mein Haus herum passiert gut ignorieren. Nur das Futterhäuschen für die Vögel fülle ich hin und wieder auf und die paar Schritte zum Komposthaufen mache ich durch den Garten, um die Küchenabfälle zu entsorgen. Den Rest vom Garten nehme ich nicht bewusst wahr.

Ab Ende Jänner fällt mein Blick wieder öfters aus dem Fenster. Zu den Maulwurfshügeln, die sich ungestört ausgebreitet haben. Zum Apfelbaum, der so wie manche Sträucher einen Rückschnitt braucht. Zu den Beeten wo das verbliebene Herbstlaub modert. Ich spüre es bereits in mir hochkriechen. Dieses Gefühl. Dieses Gefühl bevor es losgeht. Kurz bevor die Vögel zwitschern und die ersten Frühjahrsblüher zum Vorschein kommen. Kurz bevor ich die Gartenschere in die Seitentasche meiner Hose stecke und die Gartenschuhe anziehe. Kurz bevor ich das Glashaus putze und den Komposthaufen umsetze. Kurz bevor ich Samenkörner in Anzuchtschalen drücken darf und die Erde unter den Nägeln klebt. Kurz bevor ich eine Handvoll frische, dunkelbraune, feinkrümelige Komposterde zwischen meinen Fingern durchrieseln lasse und den Duft dieses Gärtnergolds einsauge wie eine Süchtige auf Entzug.

Spätestens Mitte Februar, wenn die Schneeglöckchen blühen, klebe ich am Fenster, als wäre ich gefangen und schaue sehnsüchtig hinaus. Man sagt mir eine gewisse Ruhe und Gelassenheit in vielen stressigen und herausfordernden Situationen nach. Wenn es um meine Beete geht, verstehe ich keinen Spaß. Panikartig skizziere ich Anbaupläne fürs Gemüse, prüfe den Vorrat an Samensäckchen, überlege welches Beet ich neu anlegen oder umgestalten möchte und schreibe eine Einkaufsliste für Pflanzen aus der Gärtnerei.

So gerne würde ich schon jetzt mit dem Graben, dem Jäten, dem Umsetzen, dem Schaufeln beginnen. Wissend, dass im März und April wieder so viel gleichzeitig im Garten zu tun sein wird, dass ich mir wünschte, ich hätte allein in diesen beiden Monaten 10 Wochen Urlaub.

„Es ist noch zu früh.“, sagt der Gartenexperte auf Instagram. Unter dem Laub in den Beeten schlummern noch die Marienkäfer, die später die Läuse von den Blättern fressen sollen. Auch der Igel möchte nicht unsanft geweckt und verscheucht werden, er muss seinen Job als Schneckenvertilger ausgeschlafen erledigen können. „Jetzt chill‘ mal deine Basis!“, sagt meine Tochter. „Setze dich her und trinke ein Glas Wein!“, sagt mein Mann. Ich suche Ersatzbefriedigung in Gartenkatalogen und beim Umtopfen meiner Zimmerpflanzen.

Im Coaching arbeite ich mit meinen Klientinnen oft an den Ressourcen, die man vor lauter Stress gar nicht mehr sieht, auf die man sich aber verlassen kann. Und so erinnere ich mich an das letzte und vorletzte Jahr und all die Jahre davor, in denen ich bereits einen Garten besessen habe: „Ich weiß es doch mittlerweile: Egal wie viel oder wenig Zeit ich tatsächlich im Frühjahr im Garten verbringe – der Sommer wird wunderbar grün und bunt und wunderschön. Weil das Gras ganz von alleine wächst, ohne dass ich daran ziehen muss.

 

Foto: Canva